Das

11. Brühler Gesundheitsforum 

fand im März 2015 in der Festhalle Brühl statt.

"Lieber Arm ab als arm dran"

Jeder Mensch hat Grenzen - Es kommt darauf an, was ich damit mache

Rainer Schmidt 

 

"Ohne erhobenen Zeigefinger (wie sollte ich auch Zwinkernd) erzähle ich fröhlich und aus meiner Perspektive, was es bedeutet, mit einer offensichtlichen Einschränkung zu leben. Mit vielen Anekdoten zeige ich Wege auf, wie der Umgang mit den eigenen Grenzen gelingen kann."

 


aus der Schwetzinger Zeitung:

Festhalle: Rainer Schmidt kam mit verkürzten Gliedmaßen auf die Welt / Mit viel Humor erklärt der evangelische Pfarrer, wie er sich den Herausforderungen stellt

„Also, Handwerker wird der nicht!“

Von unserem Mitarbeiter Markus Mertens

 

Brühl. Man könnte sagen: Rainer Schmidt ist ein ulkiger Typ. Hat sehr kurze Arme, keine Hände und kann drüber lachen. Über Fingerfood, das man ihm in Mannheim bei einem Kongress anbietet. Über mangelndes Fingerspitzengefühl, das seine Freundin bei ihm beklagt. Über den neuen Personalausweis mit extra Fingerabdruckscan, den er lustvoll boykottieren kann.

 

Den Alltag meistern

Mit einem Lächeln auf den Lippen bittet er die Servicekräfte im Hotel, ihm die Brötchen zu machen, wenn kein langes Brotmesser zur Hand ist. Und die Schaffner der Deutschen Bahn? Die täuscht er zuweilen mit spastischen Anfällen, wenn er mal wieder kein Ticket dabei hat. "Noch nie was von Behindertenrabatt gehört?" Ein Lachen im Saal. Ein Lachen an einem Tag, an dem herauskommt, dass ein 27-jähriger Pilot die 149 Reisegäste des Fluges 4U9525 absichtlich in den Tod gesteuert hat. Bürgermeister Ralf Göck hatte mit einer Schweigeminute begonnen, die die Luft in der Brühler Festhalle schwermachte wie Blei.

Rainer Schmidt geht nicht einfach platt darüber hinweg. Wenige Minuten zuvor hatte Axel Sutter, Internist und Hauptorganisator des Brühler Gesundheitsforums, im Gespräch mit der "Schwetzinger Zeitung" noch erzählt, dass es die "gewinnende Art" sei, die ihn an Schmidt so beeindrucke. Und genau die ist es, mit der sich der evangelische Pfarrer und Seelsorger langsam in die Stille gräbt. Kein Clown, der mit dem Presslufthammer wirbelt; ein Mensch, der nicht nur selbst ein Handicap hat, sondern in seiner Arbeit täglich mit Grenzen konfrontiert wird, steht auf der Bühne - und redet Klartext. "Der Mensch versucht in solchen Extremsituationen die Realität zu verdrängen, weil er sie nicht wahrhaben will. Und genau deswegen müssen die Angehörigen der Opfer jetzt dort sein, damit sie überhaupt begreifen können, dass das wirklich passiert und fortan ihre Lebenswahrheit ist." Mit Seelsorgern, die das Geschehene beim Namen nennen und da sind, wenn der Schmerz nach oben dringt.

Und da ist er auch schon bei sich und seiner Geburt am 18. Januar 1965. Die Hausgeburt macht die robuste Oma fast im Alleingang, den Rundgang mit bleichem Gesicht durchs Dorf danach aber auch. "Meine Oma hatte Facebook erfunden. Es gab niemandem im Ort, der nicht nach Minuten wusste, dass im Hause Schmidt ein Kind mit Behinderung geboren wurde." Schnell war der Gedanke da: Gibt man das Kind ins Heim, verlagert das Problem durch Flucht nach außen? Für Schmidts Mutter war es allenthalben "der schlimmste Tag ihres Lebens", für Schmidt selbst der Beginn seines eigenen, in dem er nach den Dingen sah, die er konnte, statt über das im Boden zu versinken, was ihm verwehrt blieb. Schmidt nennt das an diesem Abend "Kompensation durch Argumentation mit Stärken".

Wie die in lebendig aussieht, dafür muss man diesem Dynamiker, der vor Energie nur so strotzt, nur eine Sekunde in die Augen blicken. Und das Rezept, das er sich selbst ausgestellt hat, funktioniert freilich nicht nur bei Behinderten. Auch den Alkoholiker könne er doch fragen, wie er es geschafft habe, sein Problem mit einer Sucht 30 Jahre lang zu ertragen - "da stecken Kräfte und Kompetenzen dahinter, denen sich der Mensch gar nicht bewusst ist!" Kräfte, die für ihn in einer Doppel-Formel münden, die so profan klingt und doch so wichtig ist: "Ich kann was und ich bin wer!"

Sicher, wer die Norm als Durchschnitt begreift und Heil mit Heilung gleichsetzt, für den muss Schmidt ein Randständiger bleiben. Denn Heilung gibt es für seine Behinderung keine und als vermeintlicher Pechvogel, der trotz einer minimalen Wahrscheinlichkeit von 1:500 000 am Femur-Fibula-Ulna-Syndrom erkrankt ist, spricht auch die Statistik nicht gerade für ihn. Doch wer beobachtet, wie leidenschaftlich der 50-Jährige mit seinem Handicap kokettiert, durch ganz aktives Zugehen auf die Menschen auch dem Hauptproblem, der Verunsicherung, mutig entgegentritt, der sieht einen Mann "mit einem weichen, schönen, runden Däumchen", den seine Einschränkung mitnichten gebrochen hat. Ja, er braucht Hilfsmittel und "Hilfsmenschen", wie er sie einfühlsam nennt.

Und doch: Für das Anziehen braucht er nur seinen Metallstock mit Haken, Hintern abwischen geht prima, die Schuhe zieht er sich selbst an, nach Jahren des Trainings war er Weltmeister und Paralympics-Sieger im Tischtennis "und wenn dieser blöde Latexgeschmack im Mund nicht immer so nerven würde, wär' auch das Kondomanziehen kein Problem!"

Eine kongeniale Mischung

Es ist diese kongeniale Mischung aus seriösem, wissenschaftlich gestütztem Ernst, entwaffnender Offenheit, radikalen Eingeständnissen persönlicher Schwächen und den Momenten, in denen man vor Prusten kaum noch an sich halten kann, die am Ende das erreicht, was Schmidt sich wünscht und konstatiert: "Es gibt keine Behinderung, es gibt Grenzen - die hat jeder. Aber denen kann eben jeder auch begegnen, und im besten Fall ist der Mensch irgendwann wichtiger als seine Grenze." Oder um es mit den Worten zu sagen, die Schmidts Oma einst prägte: "Also, Handwerker wird der nicht!" Schmidts Konter? "Zum evangelischen Pfarrer hat's gereicht!"

© Schwetzinger Zeitung, Montag, 30.03.2015


 

Gesundheitsforum: Rainer Schmidt gastiert mit seinem Programm „Lieber Arm ab als arm dran“ in der Festhalle / Plädoyer für die Befreiung vom Standard

Vielfalt ist bei Menschen die Normalität

Von unserem Redaktionsmitglied Ralf Strauch

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Brühl. "Lieber Arm ab als arm dran", heißt das Programm von Rainer Schmidt, mit dem er am Donnerstag, 26. März, um 20 Uhr auf Einladung des Gesundheitsforums in der Festhalle gastiert. Er war Paralympic-Sieger und Weltmeister im Tischtennis, arbeitet als Pfarrer am Pädagogisch-Theologischen Institut der Evangelischen Kirche im Rheinland. Und längst hat sich der 49-Jährige, der ohne Unterarme und mit einem verkürzten rechten Oberschenkel geboren wurde, auch als Kabarettist einen Namen gemacht.

Wie haben Ihre Eltern reagiert, als Sie geboren wurden?

Rainer Schmidt: Naja, positiv gesprochen waren sie überrascht. Nein, sie waren tatsächlich geschockt. Niemand hatte meine Eltern damals auf ein Kind wie mich vorbereitet. Es gab ja auch noch keine vorgeburtlichen Untersuchungen - vielleicht zum Glück. Dass sie nun ein anderes Kind, als sie es sich erhofft hatten, bekamen, war zunächst natürlich eine persönliche Katastrophe. glücklicherweise ist aber nichts so gekommen, wie sie es im ersten Moment erwartet haben.

Wann haben Sie Ihre körperliche Einschränkung akzeptiert?

Schmidt: Ich hatte das große Glück in einem Dorf aufzuwachsen. Die anderen Kinder, mit denen ich damals die Welt entdeckte, haben sich schnell an mich gewöhnt. Ich wurde weder ausgelacht noch ausgegrenzt, so dass ich gar keine Behinderung empfunden habe. Ich habe alles zusammen mit ihnen unternommen, was die anderen Kinder auch gemacht haben. Natürlich konnte ich nicht wirklich alles mitmachen, aber auch das ist für Kinder normal, denn es gibt ja immer Situationen in denen beispielsweise die Großen Sachen machen können, die die Kleinen nicht hinbekommen.

Welche Rolle spielte der Glauben, dass Ihre Familie mit Ihrer Einschränkung klarkam?

Schmidt: Ich bin religiös aufgewachsen, insbesondere durch meine Mutter. Allerdings erwartete sie von Gott nicht, dass er nur Glück beschert. Er gibt Kraft fürs Leben - eine sehr gesunde Einstellung. Als ich geboren wurde, sagte meine Mutter zu Gott: "Das ist eine schwierige Situation für mich, ich möchte nicht daran verzweifeln. Gib mir Kraft, dass ich mit der Situation klarkomme." Gottes Liebe gibt Kraft, den Herausforderungen des Lebens zu trotzen.

Kraft, auch Probleme zu meistern?

Schmidt: Was heißt Probleme? Nicht so toll fand ich, dass ich als Kind in die Sonderschule sollte - da musste ich so lange hinfahren, ich wäre lieber in die gleiche Schule gegangen, wie meine Kumpel. Und dann waren da in der Sonderschule lauter "komische" Kinder. Irgendwann kam ich auf die Idee: Vielleicht bist du auch komisch? Dann aber kam schnell die Erkenntnis: Das sind ganz normale Kinder, wie alle anderen auch. In der Jugendzeit kam dann ein anderes Lebensgefühl in mir auf, aber das erleben andere Jugendliche auch in diesem Lebensabschnitt. Probleme? Nein, ich habe nie erlebt, dass Menschen mich aktiv diskriminiert hätten oder mir Steine in den Weg gelegt haben.

Ist das normal?

Schmidt: Wir haben eine relativ aufgeklärte Gesellschaft, die ganz vernünftig mit anderen umgeht. Das zeigt sich auch in vielen anderen Bereichen. Allerdings wundere ich mich dann doch wieder, wenn beispielsweise das Outing des ersten Fußballers derart als Sensation gefeiert wird. Es ist doch normal, dass es schwule Fußballer gibt. Auch in meinem Freundeskreis gibt es - wie überall - auch schon seit vielen, vielen Jahre offen lebende Homosexuelle. Das ist die Normalität bei den meisten Menschen - halt nicht der stets gleiche Durchschnitt, sondern zum Glück die Vielfalt.

Ist die Gesellschaft reif dafür?

Schmidt: Wir haben eine relativ aufgeklärte Gesellschaft, die ganz vernünftig mit anderen umgeht. Das zeigt sich auch in vielen anderen Bereichen. Allerdings wundere ich mich dann doch wieder, wenn beispielsweise das Outing des ersten Fußballers derart als Sensation gefeiert wird. Es ist doch normal, dass es schwule Fußballer gibt. Auch in meinem Freundeskreis gibt es - wie überall - auch schon seit vielen, vielen Jahre offen lebende Homosexuelle. Das ist die Normalität bei den meisten Menschen - halt nicht der stets gleiche Durchschnitt, sondern zum Glück die Vielfalt.

Ist das, bezogen auf Behinderungen, ein Argument für Inklusion?

Schmidt: Klar. Früher bei der Separation hat man immer gesagt, man könne die Kinder so besser fördern. Doch entstand dadurch eine Entfremdung, die Menschen hatten nicht mehr so viele Kontakte, sodass Barrieren entstanden. Inzwischen haben 80 Prozent der Menschen zu Behinderungen nur Bilder aus den Medien im Kopf - also Bilder, die andere produziert haben -, weil der di-                    rekte Kontakt ver-         mieden wird. Es ist die große Kunst für Menschen, andere kennenzulernen, zu sehen, dass sie anders sind, und zu erkennen, dass sie so bleiben können. Es ist so befreiend, wenn man kein Standardmensch sein muss. Vor allem für die Menschen, die meinen, sie müssten "normal" sein.

Von dieser Vielfalt der Menschen erzählen Sie in Ihren Programmen mit teilweise sehr sarkastischem Humor. Wie reagiert das Publikum darauf?

Schmidt: Da habe ich schon die ganze Bandbreite erlebt. Aber überwiegend ist die Reaktion sehr positiv, eben weil es eine Grenzerfahrung für sie ist. Viele merken, dass da zwar einer erzählt, was er persönlich erlebt hat, doch dann reift die Erkenntnis, dass es auch mit einem selber zu tun hat. Es gibt aber auch Menschen, die diese Art des Humors nicht vertragen können. Das sind - auch wenn man eigentlich nicht verallgemeinern sollte - oft Leute, die für die Rechte der Menschen gekämpft haben. Die argumentieren dann oft moralisch und das mache ich nun so gar nicht. Wenn ich dann erzähle, dass es nie langweilig wird mit einer Behinderung und dass sie einen Quell großer Lebensfreude darstellen kann, regen sie sich darüber auf. Aber als Kabarettist will ich ja auch immer die Grenzen der Menschen ausloten.

© Schwetzinger Zeitung, Samstag, 07.02.2015